SPD-Gedenkveranstaltung zum Volkstrauertag

Veröffentlicht am 28.11.2019 in Allgemein

Gegen Gewalt

Auch die diesjährige Gedenkveranstaltung der SPD Waldenbuch anlässlich des Volkstrauertages fand eine erfreuliche Resonanz. Die stattliche Besucherzahl im Haus der Begegnung war ein Indiz dafür, dass entgegen mancher landläufiger Meinung das Gedenken an die Opfer von Kriegen und Gewaltherrschaft keine überlebte Angelegenheit ist, sondern angesichts der weltweiten Krisensymptome und Gewalterscheinungen aktuelle Relevanz besitzt. 

 

Referent der Gedenkveranstaltung war Siegfried Schulz, als Kenner der Waldenbucher Geschichte und durch viele Initiativen, u.a. auch in der Betreuung von Migranten, bestens bekannt. Einleitend hob er die Folgen von individuell erfahrener Gewalt hervor: „Gewalt beschädigt jene Lebensmitte und Lebenskraft, die unser Vertrauen in die Welt, in die Mitmenschen, auch in uns selbst garantiert, uns stärkt und hält und verlässlich leben lässt. Beschädigtes Urvertrauen kann zu langanhaltenden Traumata, zu Lebenszweifeln und Verzweiflung führen, gar zum Lebensüberdruss und Suizid.“

 

Den Zugang zum Thema wählte Siegfried Schulz aus drei Perspektiven. Als versierter Lokalhistoriker untersuchte er Gewalt und Gewalteingrenzungen an Beispielen aus der Waldenbucher Geschichte, im zweiten Schritt anhand von ausgewählten Textstellen aus Thomas Manns Novelle „Das Gesetz“: Recht und Gericht als Widersacher der Gewalt bedürfen der Gewalt und schließlich im abschließenden dritten Teil „Von Mitleid und Hilfsbereitschaft in der nichtmenschlichen Welt. Eine Ermutigung.“

Zu den ältesten Zeugnissen von Gewalt zählten fünf Sühnekreuze auf der Waldenbucher Gemarkung, man finde vier in und auf der Mauer des Alten Friedhofs und eines in der Reishalde, Richtung Weil im Schönbuch. Sühnekreuze gebe  es seit dem 13.Jahrhundert, sie zeigten an , dass ein Mensch schuldhaft durch einen anderen zu Tode gekommen sei. Sühnekreuze sollten die Blutrache ersetzen. Als Mittler zwischen Opfer und Täterfamilien fungierte der Pfarrer. Siegfried Schulz: „Sühnekreuze waren ein Fortschritt in unserer Rechtskultur. Am Ende schleppte der Schuldige, meist in einer nächtlichen Bußzeremonie das von ihm ausgehauene Sühnekreuz zum Tatort, begleitet von Angehörigen beider Familien und dem Pfarrer, einem Chor, Fackeln , Bußgesängen, Gebeten. Wenn alles gut ging stand am Ende des nächtlichen Rituals die Versöhnung beider Familien.“ Weitere Beispiele aus der Waldenbucher Geschichte liefern, so Schulz, die brutalen Jagdgesetze und auch die Revolution von 1848/49. Eine Antwort der Bevölkerung auf die Gewalterfahrung sei im 19.Jahrhundert die Auswanderung gewesen, aus dem Ort gingen damals 200 Menschen nach Amerika, was bei einer Einwohnerzahl von etwa 2000 hieß, dass jeder zehnte Waldenbuch verlassen habe. Weitere erschreckende Beispiele lieferten die Kriege und das NS-Regime, die auch dem kleinen Städtchen zahlreiche Tote und Opfer von Unterdrückung brachten.

Siegfried Schulz, der anschließend anhand von Thomas Manns Erzählung „Das Gesetz“  auch die Literatur als Quelle für das Thema einführte, beließ es nicht bei der Anführung von historischen Gewalterscheinungen, sondern gab in seiner Schlussbetrachtung auch hoffnungsvolle Ausblicke. Sein Fazit: „Wir Menschen sind nicht nur Gewalttäter. Wir sind auch zu Mitmenschlichkeit, zu Mitleid, Güte, Barmherzigkeit, zu tauschen und teilen fähig, fähig zu helfen und zu heilen. Was also bleibt? Gewalt ist und bleibt ein allgemein menschliches Phänomen. Wo Menschen sind, da wird es auch künftig Gewalt geben. Aber wo Menschen sind und sein werden, da wird es auch das Bemühen geben, Güte zu leben, Gewalt einzuschränken, einzugrenzen, zu disziplinieren.“

 

Die Ausführungen sind hier nur auszugsweise wiedergegeben , die SPD wird von Zeit zu Zeit auf die anregenden Gedanken von Siegfried Schulz zum Thema Gewalt und Gewaltprävention erneut eingehen.

Harald Jordan