Für den SPD-Ortsverein Waldenbuch ist es zur Tradition geworden am Volkstrauertag zu einer Gedenkveranstaltung einzuladen. Alljährlich bereitete, der von uns sehr vermisste Siegfried Schulz mit enormem Engagement nachdenkliche, kritische und stets aktuelle Beiträge für diese Veranstaltung vor und trug sie unseren interessierten Besuchern vor. Teilweise sind diese Vorträge auch als Video aufgezeichnet. Diese Videos können Sie immer noch hier auf unserer Seite betrachten.
Für den Ortsverein war klar, wir müssen diese Tradition auch nach Siegfrieds Tod fortführen.
Wir freuen uns, dass wir Rolf Lehmann, Ministerialdirektor im baden-württembergischen Arbeitsministerium 1992-1996 und Wirtschaftsbürgermeister der Stadt Stuttgart 1985-1992, für die diesjährige Veranstaltung als Referent gewinnen konnten.
Nach musikalischem Auftakt und einer kurzen Vorstellung durch Abraham Kustermann begann Rolf Lehmann seinen Vortrag mit persönlichen Erinnerungen an das Ende des 2. Weltkriegs 1945. Er war damals ein 8-jähriger Bub, der erst langsam zu verstehen begann, was geschehen war und welche Konsequenzen dies für Deutschland und das individuelle Leben in den Nachkriegsjahren hatte.
Wie angekündigt erinnerte er an bedeutende Sozialdemokraten und ihr Wirken in der noch jungen Republik. Zuerst Anna Haag, die er in Birkach noch persönlich kennen lernen durfte. Sie brachte einen Initiativgesetzentwurf in die verfassungsgebende Landesversammlung von Württemberg-Baden ein. Dieser Entwurf legte den Grundstein zum Recht auf Wehrdienstverweigerung im Grundgesetz. Dessen Wortlaut war: „Niemand darf zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden.“ Trotz großen Widerstandes schaffte Sie es, mit einem packenden Redebeitrag, eine Mehrheit für den Antrag zu bekommen.
Als nächste Persönlichkeit stellte er den Stuttgarter Fritz Bauer vor. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil, setzte er sich als Generalstaatsanwalt, gegen alle Widerstände, erfolgreich für eine gerechte Bestrafung und Verurteilung der Nazi Verbrecher ein. Auch der erbitterte Widerstand des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer konnte ihn nicht davon abbringen. Rolf Lehmann erklärte, dass Lernen von Fritz Bauer bedeutet, auch besondere Verbrecher, ihrer Verantwortung gemäß, vor Gericht zu bringen. Er schlug damit den Bogen zur Gegenwart und sagte, dass dies auch für die derzeitige Regierung, des mit uns befreundeten Staates Israel gelte. Wichtig sei die Differenzierung zwischen Juden, dem Staat Israel und der aktuellen Regierung. Dazu könne es im Sinne Fritz Bauers, selbst Jude, auch gehören, einer demokratisch gewählten Regierung zu widerstehen, wenn diese gegen Menschenrechte und Völkerrecht verstößt. Dies gelte auch oder gerade wegen unserer unverbrüchlichen Freundschaft zu Juden und dem Staat Israel.
Als drittes sprach Rolf Lehmann über Carlo Schmid, Sohn einer französischen Mutter und eines deutschen Vaters, in Frankreich geboren, in Weil der Stadt und Stuttgart aufgewachsen. Er hat während des Krieges, zusammen mit der französischen Resistance, geholfen vielen Menschen, vor allem Juden das Leben zu retten. Später wurde er zu einem der wichtigsten Väter des Grundgesetzes. Als Intellektueller mit Humor, bewahrte er sich eine große Nähe zu den Menschen und zählte in den 60er Jahren zu den beliebtesten Politikern der jungen Bundesrepublik. Carlo Schmid werden die meisten von uns noch aus dem Geschichtsunterricht kennen.
Zum Abschluss zitierte Rolf Lehmann nochmals Anna Haag. „Das Gute leben, und auch für es streiten“. Diese Worte sind auf ihrem Denkmal in Stein gemeißelt.
Der Volkstrauertag sollte zu einem Tag des Nachdenkens über unsere Verantwortung für das Gemeinwohl werden.
Nach weiteren musikalischen Beiträgen bedankte sich Klaus Meyer bei den Mitwirkenden des Abends und den interessierten Zuhörern. Dabei erinnerte er nochmals an die früheren Veranstaltungen mit Siegfried Schulz.
Zum Ende der sehr gut besuchten Veranstaltung sang Ulrich Doster das Bürgerlied.
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Georg Göpfert alle Fotos Georg Göpfert



