Europa eine Seele geben - Vortrag in Schönaich am 9. April 2014

Veröffentlicht am 25.04.2014 in Veranstaltungen

Am 09.04.2014 hielt Pfarrer Dr. Dieter Heidtmann von der Evangelische Akademie Bad Boll, einen Vortrag zum Thema " Europa eine Seele geben".

1. Europäische Träume
Am Anfang der Geschichte Europas steht ein Traum: Als der Göttervater Zeus die liebliche Europa, die Tochter Asiens, entdeckt, ist er von ihrer Schönheit ganz hingerissen und entführt sie mit den Worten: "Sei unbesorgt, du Schöne, denn einer herrlichen Zukunft trage ich dich entgegen!“

Am Anfang der Geschichte des Christentums in Europa steht ebenfalls ein Traum: Dem Apostel Paulus erschien auf seiner Missionsreise entlang der Westküste der heutigen Türkei mitten in der Nacht „ein Mann aus Mazedonien“. Dieser bittet ihn, „komm herüber und hilf uns“. Die Apostelgeschichte berichtet, wie Paulus mit seinen Begleitern umgehend
nach Griechenland aufbricht, „gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen“. (Apostelgeschichte 16,9-10). Sie nehmen das nächste Schiff und gelangen in die römische Kolonie Philippi, wo sie bei einer gottesfürchtigen Frau mit Namen Lydia, einer Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira Aufnahme finden. Lydia bildet dann mit ihrer Familie den Kern der ersten europäischen Gemeinde.

Diese Geschichte ist aus verschiedenen Gründen spannend. Sie erinnert daran, dass die Wurzeln der christlichen Kultur in Kleinasien liegen, auf der anderen Seite des Mittelmeers. Die erste europäische Christin war demnach eine Frau aus der heutigen Türkei, im Übrigen keine rechtlose und verfolgte Frau, sondern eine wohlhabende Tuchhändlerin. Lydia hat nach der Apostelgeschichte auch die erste christliche Gemeinde in Europa geleitet. Eine reiche türkische Frau als Leiterin der ersten christlichen Gemeinde
in Europa – vielen unserer Kirchen fehlt heute schon die Vorstellungskraft für eine Situation, die zu biblischen Zeiten eine ganz selbstverständliche Realität in Europa war.

Am Anfang des europäischen Einigungsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg stand ebenfalls ein Traum. Das ist der letzte in meiner Reihe europäischer Träume.

Am 9. Mai 1950 gab der französische Außenminister Robert Schuman eine Erklärung ab, die den Grundstein für die heutige Europäische Union legte. Auf der Grundlage eines Konzepts von Jean Monnet schlug er vor, die westeuropäische Stahl- und Kohleindustrie zusammenzuschließen, um gemeinsam in Europa Frieden, Freiheit und Wohlstand zu schaffen. Schuman erklärte: „Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und 2
auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung: Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen.“ Die Größe der Aufgabe, die hier angegangen wurde, war Schumann sehr bewusst. „Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen, die der Größe der Bedrohung entsprechen.“

Was ist aus diesen Träumen geworden?
Die Vision eines geeinten Europas, das gemeinsam für Frieden, Freiheit und Wohlstand .......
 

Was ist aus diesen Träumen geworden?
Die Vision eines geeinten Europas, das gemeinsam für Frieden, Freiheit und Wohlstand einsteht, ist in den vergangenen Jahrzehnten in einem Maße verwirklicht worden, wie es sich Robert Schuman nicht hätte träumen lassen. Ein Krieg ist zwischen den Mitgliedstaaten der Europäischen Union undenkbar geworden. Die Union sichert, manchmal auch gegen schwierige nationale Interessen, Demokratie und Rechtstaatlichkeit in der EU. Innerhalb der EU wurden die Grenzen für Bürgerinnen und Bürger, Güter und Dienstleistungen in hohem Maße abgebaut. In vielen EU-Staaten hat dies nach dem Krieg zu einem Wohlstand geführt, der 1950 vollkommen unvorstellbar war.

Seit einigen Jahren jedoch stagniert die innere Entwicklung Europas. In den letzten Jahren sind Frieden und Freiheit in Europa so selbstverständlich geworden, dass sie für die Menschen in Europa kein Thema mehr waren. Man regt sich gegenüber der Europäischen Union auf, wenn diese Regelungen zum berühmten Krümmungsgrad für Gurken trifft oder Vorschriften für die Umweltbestimmungen öffentlicher Kompostanlagen macht, aber Krieg mit den Engländern – ja, um die besten Liegestühle am Pool auf Mallorca! Bürgerkrieg in Spanien – höchstens auf dem Fussballfeld und Einmarsch in Polen – nur als Touristen, die mal wieder billig einkaufen wollen! Die Europäische Union ist in den letzten Jahren vor allem über ihre Krisen wahrgenommen wird. Die Wirtschafts- und Schuldenkrise, die Krise der demokratischen Mitwirkung, die Abschottung der Grenzen der Mitgliedstaaten nach außen bestimmen die Wahrnehmung der EU.

Diese Krisen bedrohen den Traum eines gemeinsamen Europas, weil sie das
Wohlergehen der Menschen bedrohen. Sie führen zu sozialen Ungerechtigkeiten, die die europäischen Gesellschaften spalten. Sie führen zur Aushöhlung der europäischen Institutionen und damit auch der europäischen Demokratie. Sie bewirken, dass die Menschen die europäische Einigung eher als Bedrohung denn als Verheißung wahrnehmen.

Der Präsident des Europaparlaments, Martin Schulz, hat 2012 in seiner Berliner Europa-Rede geschildert, wie diese Verschiebung der Entscheidungsprozesse der europäischen Demokratie schadet: „In dieser im Entstehen begriffenen ‚marktkonformen Demokratie‘, die sich dem Ereignisdruck der Märkte beugt anstatt ihr den Primat der Politik entgegenzusetzen, droht die parlamentarische Demokratie unter die Räder zu kommen - denn Parlamente brauchen Zeit, um Vorschläge zu prüfen, um in streitbarer Diskussion Argumente auszutauschen und konsensuale Lösungen zu suchen oder Entscheidungen durchzusetzen. Was auch unter die Räder kommt, das ist die Langfristigkeit, das Denken in längeren Zeiträumen ... Die Parlamente, die nationalen gleichermaßen wie das Europäische, werden zusehends an den Rand gedrängt. Einmalig mag das hinzunehmen sein, aber als perpetuierter Ausnahmezustand gefährdet dies die Demokratie. … Mich
erinnert dieses Vorgehen an den "Wiener Kongress" im 19. Jahrhundert. Damals lautete die Maxime: Nationale Interessen durchdrücken und das ohne demokratische Kontrolle.“
  "1

Wir erleben in diesen Tagen, dass Frieden und Freiheit in Europa nicht selbstverständlich sind. Dass es auch im 21. Jahrhundert möglich ist, Grenzen mit Waffengewalt zu verändern. Was in auf der Krim geschieht, ist nicht nur ein inner-russisches oder innerukrainisches Problem. Es löst auch in Ländern innerhalb der EU große Ängste aus. Ich denke an die baltischen Staaten Estland, Lettland, Litauen und an Polen. Länder, in denen es zum Teil große russische Minderheiten gibt. Hier besteht die große Sorge, dass die
„Wiedervereinigung“ Russlands auf der Krim nur der Anfang eines Prozesses ist, der die friedlichen Revolutionen von 1989 rückgängig machen will.

Meine These ist, dass wir den europäischen Einigungsprozess weiter stärken müssen, wenn wir nicht wollen, dass Frieden, Freiheit und Wohlstand in einem geeinten Europa ein Traum, eine Vision bleiben. Und ich glaube, dass wir dazu mehr brauchen als nur administrative Zusammenarbeit und erfolgreiche Wirtschaftsprogramme. Wir brauchen eine gemeinsame Identität in Europa. Wir müssen Europa eine Seele geben!

2. Eine Seele für Europa

Kann ein Kontinent eine Seele haben? Der Begriff einer „Seele für Europa“ stammt aus einem Vortrag, den der damalige Kommissionspräsident Jacques Delors 1992 auf einer Tagung der Konferenz Europäischer Kirchen gehalten hat. Delors sagte damals, wenige Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Wiedervereinigung Europas:
„Wir betreten nun eine faszinierende Zeit - wahrscheinlich vor allem für die junge Generation - eine Zeit, in der die Debatte über die Bedeutung des Aufbaus Europas ein wesentlicher politischer Faktor werden wird. Glauben Sie mir, wir werden mit Europa keinen Erfolg haben mit ausschließlich juristischer Expertise oder wirtschaftlichem Knowhow.
Es ist unmöglich, das Potenzial des Vertrags von Maastricht ohne frische Luft
Wirklichkeit werden zu lassen. Wenn es uns in den kommenden zehn Jahren nicht gelingt, Europa eine Seele zu geben, es mit einer Spiritualität und einer tieferen Bedeutung zu versehen, dann wird das Spiel zu Ende sein. Daher möchte ich die intellektuelle und spirituelle Debatte über Europa wiederbeleben. Ich lade die Kirchen ein, sich daran aktiv zu beteiligen. Wir möchten diesen Prozess nicht kontrollieren, es ist eine demokratische
Debatte, die nicht von Technokraten monopolisiert werden darf. Ich möchte einen Ort des Austauschs schaffen, einen Raum für Diskussion, der offen ist für Männer und Frauen mit Spiritualität, für Gläubige und Nichtgläubige, für Wissenschaftler und Künstler. …“
"2

Delors Absicht war also nicht, wie oft missverstanden wird, die Europäische Union in eine christlich geprägte Staatengemeinschaft zu verwandeln, die säkular geprägte EU sozusagen zu taufen, sondern einen Austausch über die „tiefere Bedeutung“ Europas anzustoßen. Die Voraussetzung hierfür ist Freiheit, oder - wie Delors sagt - „frische Luft“ für die europäische Idee.

Nach der Definition des italienischen Philosophen und Theologen Giordano Bruno, der im Jahr 1600 durch die römisch-katholische Kirche hingerichtet und im Jahr 2000 rehabilitiert wurde, ist die Seele die „Form aller Dinge; sie ist überall die ordnende Macht für die Materie und herrscht in dem Zusammengesetzten; sie bewirkt die Zusammensetzung und den Zusammenhalt der Teile." "3 Diese Definition verführt geradezu, sie auf die Europäische Union zu übertragen. Die Seele Europas wäre demnach, was die europäische Gemeinschaft im Innersten zusammenhält. Was aber ist das? Wofür steht Europa?

3. Der EU-Vertrag

Ich möchte Sie einladen, sich den EU-Vertrag einmal näher anzuschauen. In Deutschland, speziell in den Kirchen, wurde ja vor allem diskutiert, dass es keinen Gottesbezug in der Verfassung gibt. Ich möchte mit Ihnen gerne zunächst die Präambel anschauen:

Präambel des Vertrags über die Europäische Union
SCHÖPFEND aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas, aus dem sich die unverletzlichen und unveräußerlichen Rechte des Menschen sowie Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als universelle Werte entwickelt haben, EINGEDENK der historischen Bedeutung der Überwindung der Teilung des europäischen Kontinents und der Notwendigkeit, feste Grundlagen für die Gestalt des zukünftigen
Europas zu schaffen, IN BESTÄTIGUNG ihres Bekenntnisses zu den Grundsätzen der Freiheit, der Demokratie und der Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten und der Rechtsstaatlichkeit, …


Der frühere Verfassungsrechtler E. W. Böckenförde hat einmal gesagt, „der freiheitliche säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen die er selbst nicht garantieren kann.“ "4  D.h. es gibt übergeordnete Werte, die der Staat nicht festlegen und erst recht nicht entziehen kann, die über seine Vollmacht hinausgehen. Genau das finden wir m. E. hier: unverletzliche und unveräußerliche Rechte des Menschen, Freiheit, Demokratie, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit als universelle Werte, die aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas kommen. Wenn ich mir diese Werte
anschaue, dann sind das zutiefst religiös geprägte Werte. Auch für die EU gilt, dass sie von Voraussetzungen lebt, die sie selbst nicht setzen kann.

Wichtiger als die Präambel aber ist, was im EU-Vertrag drinsteht:

Art. 2 Vertrag über die Europäische Union

"Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.…“


Art. 3 Vertrag über die Europäische Union
(1) Ziel der Union ist es, den Frieden, ihre Werte und das Wohlergehen ihrer Völker zu fördern.
(2) Die Union bietet ihren Bürgerinnen und Bürgern einen Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts ohne Binnengrenzen, in dem — in Verbindung mit geeigneten Maßnahmen in Bezug auf die Kontrollen an den Außengrenzen, das Asyl, die Einwanderung sowie die Verhütung und Bekämpfung der Kriminalität — der freie Personenverkehr gewährleistet ist.
(3) Die Union errichtet einen Binnenmarkt. Sie wirkt auf die nachhaltige Entwicklung Europas auf der Grundlage eines ausgewogenen Wirtschaftswachstums und von Preisstabilität, eine in hohem Maße wettbewerbsfähige soziale Marktwirtschaft, die auf
Vollbeschäftigung und sozialen Fortschritt abzielt, sowie ein hohes Maß an Umweltschutz und Verbesserung der Umweltqualität hin. Sie fördert den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt. Sie bekämpft soziale Ausgrenzung und Diskriminierungen und fördert soziale Gerechtigkeit und sozialen Schutz, die Gleichstellung von Frauen und Männern, die Solidarität zwischen den Generationen und den Schutz der Rechte des Kindes. Sie fördert den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt und die
Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten.

Sie wahrt den Reichtum ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt und sorgt für den Schutz und die Entwicklung des kulturellen Erbes Europas.


Meine These ist, dass in diesen Werten, wie sie in Art. 2 und 3 des EU-Vertrags festgehalten sind, tatsächlich die „Seele Europas“ enthalten ist - das, was Europa über alle Grenzen hinweg zusammenhält.
Wenn man in den vergangenen Wochen nach Kiew geschaut hat, dann ist es das, wofür Zehntausende Menschen wochenlang bei Temperaturen von – 20°C auf dem Maidan-Platz ausgehalten haben: Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand. Umso befremdlicher ist, dass innerhalb der Europäischen Union die Begeisterung für diese Ziele so stark verloren gegangen ist. Das ist eine echte Gefahr, denn das Projekt der europäischen Einigung kann auch scheitern. Ich glaube, dass wir die jetzige Krise sehr ernst nehmen müssen als eine Krise, die tatsächlich die Einheit Europas bedroht. Die europäische Einigung droht im mühseligen Alltag zerrieben zu werden.
Die Werte der EU finden sich als Grundkanon in allen Weltreligionen. Ich denke, dass wir alle dazu berufen sind, uns aktiv für diese Werte einzusetzen. Damit komme ich zur Bedeutung der Kirchen für die Zukunft Europas

4. Die Bedeutung der Kirchen für die Zukunft Europas

Kirchen und Religionsgemeinschaften denken, anders als Politik oder Wirtschaft, in langen Zeiträumen. Es ist sicher eine Aufgabe der Religionen, die Erinnerung an die Gründe wachzuhalten, die nach dem 1. Weltkrieg (100 Jahre) und dem 2. Weltkrieg zum europäischen Einigungsprozess geführt haben und eine weitere, die Zukunft Europas aktiv mitzugestalten. Ich werde mich bei der Bedeutung der Religionen für die Zukunft Europas auf die Sicht der evangelischen Kirchen konzentrieren. Das liegt an der eigenen Identität.
Über andere Fragen können wir ja in der Diskussion noch ins Gespräch kommen.

Für die evangelischen Kirchen gibt es für die Einigung Europas eine Vorlage, die „Leuenberger Konkordie“. Mit der Unterzeichnung der Leuenberger Konkordie erklärten lutherische, reformierte, unierte und die vorreformatorischen Kirchen der Waldenser und Böhmischen Brüder 1973 auf dem Leuenberg bei Basel einander Kirchengemeinschaft. Inzwischen haben 107 Kirchen aus Europa und Lateinamerika die Konkordie unterzeichnet. Kirchengemeinschaft im Sinne der Leuenberger Konkordie bedeutet, „dass Kirchen unterschiedlichen Bekenntnisses miteinander eine Kirchengemeinschaft, d.h. eine Kirche bilden können. Das bedeutet, die evangelischen Kirchen in Europa ein System
gefunden haben, wie man einerseits seine eigene Identität bewahren und andererseits trotzdem eine verbindliche Gemeinschaft bilden kann. Das Konzept nennt sich „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“.

Einheit
Das Einheitskonzept der Europäischen Union ist „Einheit in Vielfalt“. Das Konzept einer „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ bietet demgegenüber mehr. Anders als eine „Einheit in Vielfalt“ setzt es für die Gemeinschaft einen gemeinsamen Grundkonsens voraus. Nach Auffassung der ev. Kirchen bilden die Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit die notwendige Voraussetzung für das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur oder Religion in einer Gesellschaft. Ohne einen solchen
gemeinsamen Kern wird der europäische Einigungsprozess nicht funktionieren. Wir sollten die positiven Erfahrungen aus unserer eigenen Versöhnungsgeschichte an die EU weitergeben.
 

Gerechtigkeit
Gerechtigkeit ist nach evangelischem Verständnis in erster Linie eine Frage der Teilhabe. Es ist Teil der Verantwortung, den Menschen eine gleichberechtigte Beteiligung in der Gesellschaft zu ermöglichen. Diese besondere Bedeutung staatlicher Verantwortung ist ein Teil des europäischen Sozialmodells, der sich bis in die Kirchenordnungen der Reformation zurückverfolgen lässt und den die evangelischen Kirchen in Europa weiter pflegen und entwickeln sollten. Das sollten wir wieder ernster nehmen. Es ist eine Katastrophe, wenn in manchen Regionen Europas mehr als 50% der Jugendlichen arbeitslos sind. Eine ganze Generation geht hier verloren.

Nähe zu den Menschen
Schließlich liegt ein spezifischer Beitrag der Religionen zur europäischen Einigung in ihrer besonderen Orts- und Menschennähe (alle Religionen). Für die ev. Kirchen gehört dazu eine besondere Sorge für Minderheiten und sozial Ausgegrenzte, nicht zuletzt deshalb, weil sich die meisten evangelischen Kirchen in Europa in einer Minderheitensituation befinden. „Für die evangelischen Kirchen ist es Teil ihrer reformatorischen Kompetenz, an
Institutionen Kritik zu üben, die sich zu weit von den Menschen entfernen.“
"5 Das sollten sie auch in Europa einbringen.

Die europäische Einigung war nach dem Krieg ein sehr stark kirchlich geprägtes Konzept. Die „Gründerväter Europas“ – Mütter gab es keine – Robert Schumann und Jean Monnet in Frankreich, Konrad Adenauer in Deutschland, Altiero Spinelli aus Italien oder der Belgier Paul-Henri Spaak waren stark kirchlich geprägte Staatsmänner. Im übrigen alle (abgesehen von Winston Churchill) wohl nicht zufällig Katholiken, weil es dort die Idee der
Wiederherstellung des heiligen römischen Reiches gab. Ich würde mir wünschen, dass sich die Kirchen heute wieder in vergleichbarer Weise für die Weiterführung der europäischen Einigung einsetzen würden und würde mich freuen, wenn Sie in Ihrem kirchlichen Umfeld damit anfangen würden.

Ich habe in den 6 Jahren als Vertreter der evangelischen Kirchen in Europa in Brüssel erlebt, dass es ein großes Interesse an den kirchlichen Anliegen gibt. Dass die Beamten in der Europäischen Kommission oder im Europäischen Parlament in der Regel sehr froh sind, wenn jemand zu ihnen kommt, der nicht bestimmte Lobby-Interessen vertritt, sondern selbst unterschiedliche europäische Perspektiven zusammen bringen muss. Es gibt auch eine Erwartung in den europäischen Institutionen an die Kirchen. Der jetzige
Präsident der Europäischen Kommission, José Manuel Barroso, hat in seiner Berliner Europa-Rede die Herausforderung beschrieben. „Europa ist unsere Bestimmung. Stärke durch Einigkeit ist unser Schicksal. Deswegen müssen wir zusammenstehen und eine stabile, eine tiefere, eine stärkere Union schmieden.“

Damit das gelingt, braucht Europa aber einen neuen Aufbruch, eine neue Begeisterung und auch neue Formen der Beteiligung und Vernetzung. Wir müssen die Seele Europas wieder spürbar und sichtbar werden lassen. Dazu sind wir alle gefragt!

5. Mein Traum von Europa
Ich besitze ein altes Plakat des Europarats. Darauf sieht man eine Schar bunter Vögel, die gemeinsam ihren Käfig über eine Klippe werfen. Darunter steht „Mehr Freiheit durch Gemeinsamkeit“. Das Bild stammt aus den Achtziger Jahren, als es noch ein großer Traum war, ganz Europa in Frieden und Freiheit zu vereinen. Ich finde, es ist immer noch ein schönes Bild für die Zukunft Europas: eine bunte, vielfältige Schar von Menschen, die gemeinsam ihre Zukunft gestalten. Damit das gelingt, braucht Europa eine Seele.

Fußnoten:

"1 Martin Schulz. Die Rückkehr zur Langfristigkeit. Berliner Europa-Rede am 9. November 2012.
http://www.stiftungzukunftberlin.eu/sites/default/files/files/Europarede%20Martin%20Schulz%20komplett%20
12%2011%2009.pdf

"2 Jacques Delors. Europa eine Seele geben. Zitiert nach
http://www.comece.eu/europeinfos/de/archiv/ausgabe163/article/5938.html
"3 Giordano Bruno. Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen.
"4 E.W. Böckenförde. Staat, Gesellschaft, Freiheit. Studien zur Staatstheorie und zum Verfassungsrecht.
Frankfurt am Main 1976. 60.

"5 5 Glück-Wünsche für die Zukunft Europas. Die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) zum 50. Jahrestag der Römischen Verträge. Erklärung des Präsidiums der GEKE. Wien, 20. März 2007. In: Evangelisch in Europa. 296.

 
 

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