Geschichte des Ortsvereins

110 Jahre Tradition sozialdemokratischer Kommunalpolitik in Waldenbuch

Harald Jordan, Stellv. Vorsitzender der SPD Waldenbuch, 9. Mai 2014

 

Ist sie nur in die Jahre gekommen, unsere Rathaus-Arbeit, oder haben wir Berechtigung von einer 110-jährigen „Tradition“ der SPD-Kommunalpolitik  zu sprechen? Und wenn ja, woraus speist sich die Tradition?

 

Der Versuch einer Antwort:

Von den aktuellen SPD-Kandidaten zur Gemeinderatswahl äußert ein ganzes Drittel in persönlichen Vorstellungsstatements, dass sie sich für die Integration von ausländischen Mitbürgern einsetzen wollen. Eine Kandidatin ist stark damit beschäftigt, einer syrischen Familie in den hiesigen Alltag zu helfen. Die Integration, das Miteinander von deutschen und aus der Fremde zugewanderten Waldenbuchern scheint für die SPD-Kandidaten ein besonderes Politikum zu sein.

 

Dass Waldenbuch mit dem Phänomen des Fremden konfrontiert wird, ist jedoch keine  Erscheinung der Gegenwart. In den 110 Jahren, in denen Sozialdemokraten die Kommunalpolitik mitgestaltet haben, gab es immer wieder Situationen und Begegnungen, in denen das Schönbuch-Städtle sich dem Fremden stellen musste.

 

Anschluss an die fremde Welt

So waren sich Gemeinderat und Bürgermeister seit der Wende zum 20.Jahrhundert einig im Kampf gegen die drohende Abschneidung des 1800-Seelen Dorfes von der Welt, von einer Welt, die zwar fremd war, von der aber Nachrichten hereindrangen vom Fortschritt auf vielen Gebieten, und an deren Arbeitswelt und deren Segnungen nur teilhaben konnte, wer aus dem Ort hinausgelangte.

 

Diese Arbeitswelt, die so viel Neues brachte, und das Neue war auch fremd in der Sicht des Ortes, wo die Holzarbeit, die Landwirtschaft, das Handwerk alles in bescheidener ortsangepasster Größe, den Alltag und das Bewusstsein der Menschen prägte. Fremd waren die Nachrichten, zunächst von der Macht der Elektrizität, fremd war die industrielle Produktion, fremd war die großstädtische Welt der Residenz. Fremd – doch mit dem Versprechen wirtschaftlichen Aufschwungs.

 

So war „fremdeln“ – also die scheue und ablehnende Haltung gegenüber dem Fremden in den Jahrzehnten nach 1904 nicht  angesagt, sondern Aneignung des Neuen und Anbindung an diese Welt. Und politisch hieß dies: Aufnehmen ins kleine Gemeinwesen so viel nur ging und Zugang schaffen von hier nach dort. Vom Vertrauten in die Fremde. Und weil das drückte, haben sie auch den langen Atem gehabt bei der Verwirklichung des Anschlusses: der Erweiterung der Eisenbahn über Leinfelden ins Aichtal. Und viel haben sie eingebracht, Arbeit, Geld und Grund, bis das Ganze mit pompösem Feiern 1928 eingeweiht und der Bürgermeister vom Gemeinderat zum Ehrenbürger gemacht wurde.

 

In den 20er Jahren, vor der  Eröffnung der Schienenstrecke, wurden die Arbeiter bei jedem Wetter mit einem offenen Kleintransporter nach Leinfelden  gebracht, und das war  schon ein raumgreifender Fortschritt gegenüber der guten alten Zeit nach 1900.

Von Leinfelden aus nahmen sie dann durchgefroren den Zug nach Stuttgart. Wenn man sich vorstellt, dass sie um 7.00 ihre Arbeit aufnehmen mussten, dann weiß man, wann der Tag begann, und wann das Arbeiterkontingent nach einem Zehnstundentag wieder an der Waldenbucher Endstation landete und die Glieder nicht nur von der Arbeit her schmerzten.

 

Diese pendelnden Arbeiter sieht man im Gemeinderat nicht persönlich vertreten. Wer hätte ihnen auch die Zeit gegeben und den Lohnausfall übernommen? Ihre örtlichen Interessen sahen sie indes bei der SPD gut aufgehoben. 

 

Schaut man auf die Zusammensetzung der damaligen kommunalen Mandatsträger, so fällt auf, dass sie sich beruflich kaum unterschieden und sich auf allen Listen die Schneider, die Schuhmacher, die Wagner und Schmiede, die Gipser und Maurer, die Bauern, die Holzhauer finden. Das war der Ort und der spiegelte sich im Gremium auf dem Rathaus wider.

 

Das auswärtige Arbeiten war eine alltägliche Begegnung mit dem gegenüber dem engen Ortshorizont fremden industriestädtischen Charakter, es zehrte an den Kräften, war aber ein großer Erfahrungsgewinn, der tatsächlich auf den Gleisen „er–fahren“ werden musste. So erlebte man die Fremde nicht als beängstigende Macht, sondern als Bereicherung, deren Denkweisen man gerne in die gewohnte Lebensart übernahm und in die örtlichen Vereine und die Alltagsgespräche trug.

 

Die Erfahrung des Fremden als Bereicherung ging ein in die kollektiven Vorstellungen des Schönbuch-Ortes. Unterschwellig, eher im Verborgenen, en passant sozusagen.

 

Die Gemeinderatsprotokolle von 1904 bis 1933 dagegen behandeln noch häufig kleinkarierte Streitereien, Beschuldigungen, persönliche Verunglimpfungen, gewährte und abgelehnte Bürgschaften, individuelle Angebotsbeschränkungen im Einzelhandel, Ausweisungsanträgen wegen suspekter Subjekte usw. Menschliches. Allzumenschliches.

 

Wie im Fall des von den Auswirkungen der Inflation bedrängten Schokoladenfabrikanten Kreuziger, dessen Fabrikgebäude 1930 Alfred Ritter übernahm, der im Wirtshaus allzu laut von der „Waldenbucher Saublos (Saublase) auf dem Rathaus“ redete, die ihm das Leben schwer mache und der dafür vom Bürgermeister Fischer nach einem Gemeinderatsbeschluss wegen Beleidigung verklagt wurde.

 

Das war die kleine, überschaubare, begrenzte Welt - im alltäglichen Widerspruch mit dem eindringenden weiten Horizont des Fremden, der allmählich die scheinbar selbstgenügsame Beschränktheit im Ort auflöste und den Grund legte für die Fähigkeiten zur Bewältigung künftiger Herausforderungen, die wie eine Flut in die Stadt schwappten.

 

Integrationsleistungen

Wie jene Kriegsflüchtlinge und Heimatvertriebenen, die ab Winter 1945/46 dem Städtle zugewiesen wurden. Sie sorgten für drangvolle Enge, für Einschränkung, für manche Notlage. Und damit auch für Ärger.  Sie sprachen einen sonderbaren Dialekt, waren andersgläubig und hatten meist nichts, weil sie ihr „Sach“  hatten zurücklassen müssen.

Das Rathaus, noch nicht auf der Höhe einer florierenden Verwaltung nahm sich des Problems nach Möglichkeit an. Bürgermeister Alfred Ritter schuf sich einen Beirat, um die Kommune wieder in Gang zu bringen, und dann kam es Anfang 1946 zu ersten Gemeinderatswahlen. Sowohl im Beirat wie auch im ersten Gemeinderat waren Sozialdemokraten mit vorne dabei. Denn so viele Unbelastete gab es zu dieser Zeit auch wieder nicht. Sozialdemokraten waren unbelastet.

 

An Ritters Seite standen die Sozialdemokraten Gottlob Müller, Gipsermeister, und Karl Müller, Bierbrauer und Wirt „Zum Lamm“. Zunächst im Beirat, dann im Gemeinderat. Nach diesen Monaten der ersten Hilfe zog sich Ritter zurück und sein übernächster Nachfolger ließ Platz schaffen für die nach ihm benannte „Reinhold-Körber-Siedlung“ auf dem Weilerberg. Auch dies unter tatkräftiger Mithilfe der Sozialdemokraten inner- und außerhalb des Gemeinderats. So wurde es allmählich weniger eng und man sah, dass die Neubürger selbst Hand anlegten beim Häuslesbau, was gut ins Schwäbische passte und die Eingliederung förderte.

 

Waldenbuch hatte schließlich die immense Herausforderung, über 800 Neubürger (40% der ursprünglichen Einwohnerzahl) in ein gewachsenes und kulturell gegensätzlich und dazu noch von Armut geprägtes Städtchen von knapp 2 000 Einwohnern einzubinden, binnen weniger Jahre gemeistert. Die SPD gewann durch die Neubürger politisches Engagement auch für den Gemeinderat hinzu. Hierfür steht der Name Josef Schön.

 

Es soll hier betont werden, dass auch andere Gemeinderäte, außerhalb der SPD, tatkräftig Integrationsarbeit bewältigten. Aber deren organisatorische Form war neu, schließlich hatten die Nazis keine Parteien geduldet, allein ein christlich-sozialer Volksdienst, wer auch immer hier wurzelt, war mit einer Liste 1933 noch zugelassen.

 

Die SPD dagegen hatte 1945 schon eine an ihren Grundfesten rührende 12-jährige Leidenszeit hinter sich. Doch hatten sich Strukturen erhalten. Und Kompetenzen, die sie sich vor 1933 in einer langen Etappe politischer Arbeit erworben hatte. Beispielsweise war der Bäckermeister Friedrich Klein, SPD-Vorsitzender, von 1905 bis 1931 – mithin 26 Jahre lang - Gemeinderat, zeitweise Stellvertreter des Bürgermeisters Gottlob Fischer, der selbst der SPD nahestand und mit einem Gemeinderat schaffte, in dem Sozialdemokraten zeitweise die Mehrheit bildeten. An die seinerzeitige Erfahrung mit dem Umgang mit dem Fremden konnten die Sozialdemokraten anknüpfen. Zumal Karl Müller persönlich-biografisch  den demokratischen Brückenbogen spannte, da er schon Rathausarbeit vor 1933 geleistet hatte.

 

Die nächste kulturelle und quantitative Begegnung mit dem zuströmenden Fremden waren die Gastarbeiter in den fünfziger, sechziger, siebziger Jahren – eine nach der Erfahrung mit den ersten  Neubürgern vergleichsweise konfliktarme Neuauflage, die Zuwanderung ging auch langsamer vonstatten und  spätestens bei der zweiten Generation konnte man erleben, wie die Fußballmannschaft des örtlichen Sportvereins von den italienischen Mitbürgern direkt profitierte.

 

Das Fremde als Daueraufgabe

Die Eisenbahn fährt längst nicht mehr. Die Waldenbucher haben mit ihr die bleibende Erfahrung gemacht, dass Richtungen umkehrbar sind, dass ihre Stadt nicht nur verdammt ist zum lässlichen Randflecken, sondern durch Wagemut im Austausch mit 

dem Fremden auch Ziel werden kann. Dass Abfahrt und Ankunft sich am gleichen Ort treffen können.

 

Doch das Fremde ist deshalb nicht erledigt und abgehakt. Das Fremde mischt sich in Gestalt des Neuen ein, als Zeichen der Zukunft und deren Sicherung. Zukunftssicherung nach Waldenbucher Art verläuft über Expansion, seitdem sich das Städtle aus seinem Schlossschatten heraus auf die Höhen ausgebreitet hat. Räumliche Expansion. Soziale Expansion.  Quantitative Expansion. 

 

An der politischen Lösung der Folgeprobleme mitgearbeitet hat die Generation  sozialdemokratischer Gemeinderäte der sechziger und siebziger Jahre: Ernst Bauer, Bruno Wildner, Michael Tschierschwitz und unser Ehrenvorsitzender Erwin Ruck, der die Sozialdemokratie am Ort über Jahrzehnte exponiert repräsentiert und gestaltet hat, im Einklang mit den Weggefährten wie Dr. Siegfried Werner, Walter Keck, Manfred Ruckh und Uli Doster, hervorzuheben auch die Frauen: Waltraud Grauer, Ingrid Münnig-Gaedke, Elaine Rauhöft – sie alle haben sich dem Fremden gestellt und Zukunftssicherung betrieben.

 

Die Sozialdemokratie ist dabei auf Politik des Kompromisses angewiesen. Sie hat anders als in den Vorkriegsjahren keine Mehrheit. Kompromiss gehört zum Wesen der Demokratie und manchmal sind die Bretter dick, die es zu bohren gilt.

 

SPD-Gemeinderäte waren bei aller sich berührender Lokalgesinnung mit den anderen politischen Formationen,  pointiert orientiert an sozialen Bedürfnissen. Das ging von Initiativen für Essen auf Rädern über Bildungsfragen und baulichen Projekten bis hin zur Gründung der städtischen Wohnbaugesellschaft.

 

Das Fremde zeigt sich vielgestaltig und wandelbar. Ethnisch, exotisch, technologisch, expansiv, global und neu. Wie gesagt, es drängt sich unablässig und fragend in unseren Alltag. Die Grabanlage für muslimische Bürger war eine Antwort unserer Zeit, wie auch die Ablehnung von Waren aus Kinderhand oder die Unterstützung fairen Handels.

 

Die Tradition der Integration des Fremden

Aus all dem Gesagten deutet sich eine Antwort auf die Frage nach der Tradition an. Die Erfahrung des nimmermüden Fremden und der konstruktiv-integrative Umgang damit lassen sich über die elf zurückliegenden Jahrzehnte lebensweltlicher und kommunalpolitischer Entwicklung aufzeigen und verfolgen.

 

Man kann damit mit Fug und Recht von einer gut dokumentierten, schriftlich überlieferten und dennoch, latenten, also im Verborgenen wirkenden Waldenbucher Tradition der Integration des Fremden sprechen, einem lokalen Traditionsstrang, an der Waldenbucher Sozialdemokraten – immer zu ihrer Zeit – mitgestrickt haben.

 

Die Tradition der Integration des Fremden schmiegt sich den Grundwerten der SPD an: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität.

 

Man kommt latenten Traditionen auf die Spur, wenn man nicht nur nach sichtbaren Ritualen und Symbolen der Überlieferung sucht, das Bedeutsame ist die in den Handlungen und Auseinandersetzungen zum Ausdruck kommende Einstellung, hier: das Fremde als Chance zu sehen. In all dem geschichtlichen Wandel, gehe es um Eisenbahnen oder Arbeitsmöglichkeiten oder Bevölkerungswanderungen oder digitalisierte, globalisierte Kommunikationswelten.

Die von Waldenbuch gezeigte Integrativität findet sich andernorts wahrscheinlich auch. Vielleicht aber nicht als so ausgeprägtes, charakteristisches  Merkmal, denn die spezifische Lage, einst Last und Antrieb zugleich, hat die Ausprägung dieses Merkmals sicher gefördert.

 

Ein gewichtiges Merkmal, eine enorme Fähigkeit für ein relativ kleines Gemeinwesen.

 

Sie ist also nicht nur alt geworden unsere SPD, sie hat auch einen nachweisbaren Anteil an der Gestaltung und Überlieferung der Integration des Fremden und an der Integrativität dieser Stadt.

 

Und deshalb haben wir Grund und Berechtigung von einer 110-jährigen kommunalpolitischen Tradition zu sprechen und die Eingangsfrage mit einem selbstbewussten und deutlichen „Ja“ zu beantworten.

 

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. 

 

 

 

110 Jahre SPD Waldenbuch – Was kam da an?

Vortrag anlässlich der Festveranstaltung zum 110-jährigen Ortsvereinsjubiläum am 6.7.2013

von Harald Jordan, Stellvertretender OV-Vorsitzender  

 

110 Jahre SPD Waldenbuch – Was kam da an?

 

Auffrischung

Seit Wochen peilte die Quecksilbersäule die 30°-Marke an. Die Juni-Hitze lag träge auf Hügel und Tälern, auf Mensch und Vieh. Auch im Tal der Aich und auf den Höhen mit ihren mächtigen Bäumen. Trotz der Hitze gingen die Menschen ihren Gewerken nach. Der Waldarbeit, dem Handwerk, der Viehzucht, dem Ackerbau, der Milchwirtschaft. Schmieden, Flechten, Hämmern, Steine behauen, Backen, Schneidern, Mauern, Brauen, Hacken auf steinigen, steilen Feldern, Mähen, Kühemelken. Bei aller Hitze bestimmte die Arbeit den Rhythmus und den Klang des Dorflebens. Wie immer.

 

Da milderte ein frischer Wind, der aus nordöstlicher Richtung von den Fildern einfiel, sich an den Hügeln kräuselnd einließ, die Sommerhitze. Die Frauen, die im flachen Tal und auf den bergigen Äckern rackerten, schauten auf und die Männer hinter ihren Ochsengespannen und in ihren Werkstätten und Kleinbetrieben hielten inne, traten hinaus und alle genossen die wundersame Kühlung und folgten dem Schauspiel der Natur. Kumulus auf Kumulus häufte sich am blauen Himmel auf, weiße Ungetüme, riesige Luftschlösser, die die Phantasie der Menschen beflügelten und vom Wind angetrieben mit den Sehnsüchten der Menschen auf die Reise gingen. Und mit ihnen ging das erwartete Hitzegewitter und der frische Wind  belebte alle.

 

Das Naturschauspiel am Schönbuchrand symbolisierte den Wind, der durch das Reich wehte, es war der Wind von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

 

Die SPD im Kaiserreich

16. Juni 1903: Bei der Reichstagswahl wird die SPD von über 3 Millionen  Menschen gewählt. Da war ein Volk in innerem Aufruhr und nahm sich Rechte heraus, das Recht dem Hergebrachten etwas entgegen zusetzen. Die Nachrichten flogen bis in die hintersten Winkel des Reiches. Eine Nachricht im Gefolge des Aufruhrs:  28.Juni 1903 - in Waldenbuch wird ein „sozialdemokratischer Verein“ gegründet. Der frische Wind im Reich macht Mut. Es sind keine windigen Gesellen, die sich vom Übermut hinreißen lassen. Nein, es sind gestandene Männer, im Leben gereift, Verantwortung für Familie und Betrieb tragend, mit Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Fünf werden in die Führung gewählt. Ein Schneidermeister, ein Bäckermeister, ein Wagnermeister, ein weiterer Schneider: eine Auswahl des Erwerbslebens der Schönbuchgemeinde. Eingesessen, anerkannt, geachtet, Handwerker, Männer, die von der Arbeit ihrer Hände leben. Deren Wort etwas gilt. Die den Mut haben, in ihrem Ort die rote Fahne der Sozialdemokratie hochzuhalten. Wie kam es dazu?

 

Es gab Arbeiter und Handwerker, die nach Stuttgart pendelten, ja nicht wenige, die wegen der schlechten Anbindung die Woche in der württembergischen Residenz verbrachten und nur zum Sonntag nach Hause kamen.

 

Das war nicht leicht für die Familien. Aber so kamen die Männer in Berührung mit sozialdemokratischen Vorstellungen, wie sie in Stuttgart von Karl Kloß und Carl Hildenbrand vorgetragen wurden und was ihre Frauen anbelangt, so sollen sie, wochentags auf sich gestellt, ein gewisses Selbstbewusstsein angenommen haben.

Kommt hinzu: Das Bewusstsein von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit hatte schon Tradition in Waldenbuch, hatten doch z.B. die Glashütter Maurer 1890 ein Schulhaus erstellt, weil sie wussten, was der Mensch braucht. Dieses Bewusstsein, das sich also in sichtbaren Symbolen ausdrückte, war vielleicht auch der Grund dafür, dass die kleine Pflanze aufblühte und sich Dauer einstellte, dass nicht der Gründung des sozialdemokratischen Vereins gleich die Bahre folgen musste, mit der man die Sozialdemokratie in dem ländlichen  Ort gleich wieder hätte zu Grabe tragen müssen.

 

Was kam da an?

Die deutsche Sozialdemokratie hatte schon eine bewegte vierzigjährige Geschichte, als sie der Wind des Fortschritts hereingeweht hat. Es war eine Partei mit 40-jährigem Vermittlungszusammenhang, konturiert im Ringen von Möglichkeit und Wirklichkeit, mit starkem proletarischem Selbstbewusstsein, eine Partei, die vom Marxismus inspiriert war, deren Führer mit Marx und Engels freundschaftlichen Verkehr hatten, deren Programme andererseits von den beiden Großen in England bisweilen auf das Schärfste kritisiert wurden, 1875 das Gothaer Programm, 1891 das Erfurter Programm, und die in ihrer wissenschaftlichen und intellektuellen Überlegenheit auch gegen einzelne Programmmacher unerbittlich zu Felde zogen, beispielsweise gegen Lasalle. Eine Partei, die Opfer Bismarckscher Politik geworden war, zwölf Jahre lang, von 1878 – 1890, verboten wegen „gemeingefährlicher Bestrebungen“, und die dennoch die Widerstandskraft besaß und alle Macht- und Willkürdemonstrationen bestand, die jetzt, 1903, nach dem Breslauer und dem Dresdner Parteitag die Auseinandersetzung mit dem Bernsteinschen Revisionismus aufnahm. Das war also ein gefestigte, sturmerprobte, dynamische Erscheinung, die da nach Waldenbuch hineinwehte, hineinwehte, als fertige Gestalt, eine politische Größe. An ihrer Ausgestaltung hatten die Waldenbucher vierzig Jahre keinen Anteil. Die Geschichte der Waldenbucher SPD beginnt erst mit dem Import dieses fertigen Produkts in die schwäbische Provinz.

 

SPD und Provinz

Es ist zu vermuten, dass die Waldenbucher Genossen nur wenig wussten von der politischen Ökonomie des „Kapital“, von der „Dialektik Hegels“, die Marx, weil sie auf dem Kopf stünde, „umstülpte“.

 

Ihr Wissen war wenig theoretisch fundiert, es gründete auf ihrem Alltag, auf der praktischen Erfahrung in ihrer dörflichen Lebens- und Arbeitwelt.

 

Das gab ihnen ein sicheres Gespür für die Notwendigkeit sozialen Fortschritts in dieser Lebenswelt. Die Notwendigkeit sahen sie, wenn sie aus den Werkstattfenstern blickten, auf die engen Straßen, in denen der Verkehr des Ortes sich an schlechten Tagen die Wege mit den Abwässern der Bewohner und der Gülle des Viehs teilte.

 

So roch und schmeckte der Bäckermeister Klein, langjähriger Gemeinderat ab 1905, die Möglichkeit sozialen Fortschritts ganz elementar, wenn er, seit drei in der Früh in der Backstube, im Sonnenaufgang den frischen Duft seiner Brezeln und seiner Brote in der Nase, sich ausmalte, wie man im abgelegenen Schönbuchflecken zum Fleiß der Menschen auch den gerechten Lohn dazutun sollte. Dass jeder sein Brot und dazu bessere Wohnverhältnisse und bürgerschaftlicher Teilnahme bekäme. Wie man „Heimat“ schaffen konnte – im Hier und Jetzt des Königreichs Württemberg. Das war praktische, selbst lernende Sozialdemokratie, die sich vieles selbst aneignen musste, weil der Kontakt zu den politischen Vordenkern doch eher sporadisch war.

Wie die Lage in Waldenbuch war, war nicht nur zu sehen, zu schmecken, zu riechen. Ein knapper Eintrag im Gemeinderatsprotokoll vom 18.12.1906 hält sie schriftlich fest:

 

„Die Gemeinde besitzt wenig Vermögen, dagegen 39 000 M. Schulden bzgl. Grundstücksabmangel und vom Straßenbau Stuttgart –Tübingen. Eine Steigerung der Steuerkraft ist bei unserer Abgeschlossenheit vom Verkehr nicht zu erwarten und trotz aller Bemühungen nicht zu erreichen.“

 

Waldenbuch war also im Abseits. Abgeschlossen, abgehängt, abserviert. Diese Lage bestimmte gleichsam das erste politische Programm der jungen örtlichen SPD. Die Verkehrsfrage galt es zu lösen. Mit dem Wind der Veränderung im Rücken. Damit sich im Ort die Lebensverhältnisse verbesserten. Der größte Teil der Einwohner war Kleinbauern, Taglöhner und Handwerker, der Verdienst gering. Für Arbeit sorgten Schneider, Korbflechter, Bürstenmacher, Klempner, Nagelschmiede, Buchbinder, Mützenmacher und Steinsetzer, dazu  Sägereien, eine Hammerschmiede, eine Blechwarenfabrik. Mit wenig Arbeitsplätzen. Viele Familien konnten so nur in der Verbindung von Land- und Forstwirtschaft und einem Gewerbe ihren Unterhalt sichern.

 

Die SPD im Rathaus

1904, am 13.Dezember, ist die erste Bürgerausschusswahl, an der sich die Waldenbucher Sozialdemokraten beteiligen. Gewählt werden der Schneidermeister Jakob Herre und der Kronenwirt Jakob Wagner. Nun sprach man mit auf dem Rathaus und partizipierte am öffentlichen Leben. Das entwickelte in der Arbeiter- und Handwerkerschicht ein neues Heimatgefühl, ein aktives Heimatgefühl, indem man Heimat verändernd mitgestaltete.

 

Die SPD und ihre Gemeinderäte und Bürgerausschussmitglieder hatten in den folgenden Jahren direkten Anteil an Neuerungen und daran, den Ort aus seiner Abgeschlossenheit zu befreien: Elektrifizierung (1908),  Gründung der Autolinie Degerloch – Tübingen (1910), Aich-Korrektur (1912), Realisierung der Eisenbahnstrecke durch das Siebenmühlental 1928. Das bringt der SPD viel Zuspruch. Der Stadtschultheiß Gottlob Fischer (1905-1933) wurde irgendwann selbst SPD-Mitglied. Die SPD-Gemeinderäte zeichnen sich aus durch lange Gremiumszeiten: Jakob Herre (1904 – 1918), Jakob Wagner (1904 – 1918), Friedrich Klein (1905 – 1933).

 

Aus ihrem Tun entwickelte sich dauerhafte Wirkung im allseitigen Wandel. Und die Gründer hatten würdige  Nachfolger. Zu ihnen gehörte Karl Müller, Lammwirt und Bierbrauer, Gemeinderat von 1922 bis 1933, bis zur Auflösung des Gemeinderats durch die NSDAP. Karl Müller musste mit ansehen, wie sein Sohn wegen einer Bagatelle, er fuhr bei einem Umzug kurz vor der SA-Kapelle über die Straße auf den eigenen Hof, in das KZ auf dem Heuberg verfrachtet wird, auf Weisung des unsäglichen Waldenbucher NSDAP-Ortsgruppenleiters  Gottlob Nafzer. Und später muss Karl Müller erleben, dass dieser Sohn im Hitlerschen Krieg weit weg in Italien fällt.

 

Daran kann man zerbrechen. Karl Müller zerbricht nicht. Er kandidiert bei der ersten Gemeinderatswahl nach dem Krieg, am 27.1.1946. Müller ist wieder Gemeinderat und dazu stellvertretender Bürgermeister. Und auch Kreisrat. Mit ihm wurden auf der gemeinsamen Liste der Handwerker- und Arbeiterschaft der Holzhauer Georg Kayser und der Wagnermeister Johannes Landenberger gewählt. Zuvor schon, am 29.November 1945, wurde Karl Müller ins Entnazifizierungskomitee berufen und erlebt mit, wie viele Nazis versuchen, sich gegenseitig reinzuwaschen.

Am 18.10 1946 steht im Gemeinderat ein von „der“ SPD eingebrachter Antrag zur Behandlung an: es geht um Bauholz für Fliegergeschädigte, die Festsetzung des Quadratmeterpreises auf dem Industriegelände und um das Recht, Holz aus dem Gemeindebesitz zu beziehen. Die SPD ist also unmittelbar nach dem Krieg wieder wirkende Kraft.

 

Entsprechend den Verhältnissen Waldenbuchs ging es bei der Arbeit des ersten Gemeinderates nicht um Staatsaktionen, sondern um konkrete örtliche Belange, beispielsweise um Schlichtungen zwischen Bürgern, um die Genehmigung zum Holzeinschlag, darum, dass ein neuer Farren angeschafft werden musste, weil der letzte nicht mehr zur Zucht taugte oder dass der städtische Eber in private Zuständigkeit überführt werden sollte.

 

Integration der Fremden

Doch die Folgen der großen Politik bestimmten schon bald das städtische Leben. Es ging um die Aufnahme der Ostflüchtlinge, von denen  im Mai 1946 schon annähernd 500 der Gemeinde zugeteilt worden waren, was die Stimmung in der Bürgerschaft bis zum äußersten strapazierte. Dass die Stadt im Laufe der Zeit durch diese „Neubürger“ eine personelle und kulturelle Bereicherung erfuhr, ist sicher ein Waldenbucher Glücksfall, doch in der ersten Nachkriegszeit ging es ums bloße Überleben: wo sollten die Flüchtlinge untergebracht werden? Man schaffte es, beispielsweise durch die Nutzung von Wohnungen ehemaliger Nazi-Führer oder durch Raumbelegungen im Schloss oder durch Umnutzung wie beim Tanzsaal der Krone, in dem fünfzig Personen auf engstem Raum der gröbsten Not entrannen. Auch die Firma Ritter half. Später gab es Bauland. Die Stadt landete nicht erneut im Abseits, sie meisterte die Lage und nahm sie als Chance wahr.

 

Die Integration dieser zuströmenden Landsleute war sicher eine Gesamtleistung der Gemeinde, aber in der ersten Reihe wirkten hier Sozialdemokraten mit. (u.a. Schön, Kögler, Schaal, Müller Karl und Gottlob)

 

In den frühen Aufbaujahren setzte die SPD die Kontinuität der Zeit vor 1933 im Gemeinderat fort, bei schwankender Zahl der Sitze. Man übersteht sogar die schwierige Phase von 1956 – 1968, als die SPD im Gemeinderat keine Stimme hatte. Bis Ernst Bauer und Karl Waidelich das ändern.

 

Expansion

Und als die Oskar-Schwenk-Schule (1956) an prominenter Stelle die Ausweitung des Ortes anzeigt, die 3 Hochhäuser auf dem Kalkofen (1973) das Stadtbild neu prägen, ist städtebaulich der Charakterwandel der Stadt demonstrativ wahrnehmbar und es ist eine neue Generation am Zuge. 1970 wird Erwin Ruck zum Vorsitzenden gewählt. Er verwaltet das Erbe und mehrt es mit fruchtbarer Hand: im Gemeinderat und im Kreistag bis 2004. Heute sind es Manfred Ruckh, Uli Doster, Walter Keck, die mit der Erfahrung von Jahrzehnten sozialdemokratischer Praxis in und außerhalb des Gemeinderates die lokalen Akzente setzen – nicht alleine, denn längst sind auch hier im Ort die Zeiten vorbei, dass Kommunalpolitik eine Männersache war/ist. Waltraud Grauer war 1989 die erste Sozialdemokratin im Waldenbucher Rathaus, und Elaine Rauhöft und Ingrid Münnig-Gaedke repräsentieren die SPD heute. Einunddreißig Frauen und Männer umfasst die überlieferte Liste der sozialdemokratischen Gemeinderäte seit 1904. 

 

 

Die Nachkriegszeit - Ein Neuanfang nach 1945

In der Waldenbucher Kommunalpolitik stehen die Sozialdemokraten nach 1945 in der ersten Reihe. Johannes Landenberger half als SPD-Gemeinderat von Anfang an mit,die schwierigen sozialen und wirtschaftlichen Probleme die nach Kriegsende herrschten, zu lösen. Das Gasthaus Lamm wurde zum Mittelpunkt der demokratischen Erneuerung nach dem Krieg und war bis in die späten sechziger Jahre wichtiger Treffpunkt der Sozialdemokraten in Waldenbuch.

 

 

Die Aufbaujahre

Vertriebene Sudetendeutsche halten mit ihren sozialdemokratischen Idealen den Ortsverein Waldenbuch am leben. Nach dem Abtreten der alten aktiven Sozialdemokraten sorgten die vertriebenen Sudetendeutschen für weiteren Zusammenhalt und Konsens über die Grundwerte im SPD Ortsverein Waldenbuch. 1968 sind wieder zwei Kandidaten der SPD im Gemeindrat vertreten. Ein Jahr später, 1969, wird Willy Brandt Bundeskanzler.

 

Willy Brandt 1963 in Waldenbuch

 

Die 70er Jahre

"Mehr Demokratie wagen" - dieses Motto prägt die Aufbruchstimmung der frühen 70er Jahre. Erwin Ruck übernimmt 1970 den Vorsitz des Ortsvereines und leitet damit einen politischen Aufschwung ein, der sich auch in einer großen Zahl neuer Mitglieder widerspiegelt. Die SPD erzielt in der Bundestagswahl von 1972 mit 45,8 % den größten Wahlsieg ihrer Geschichte. Ein Höhepunkt des Ortsvereines bildet der Besuch von Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, Erhard Eppler (hier mit Erwin Ruck, Wolfgang Emhardt und Herbert Dürr)

 

 

Die 80er und 90er Jahre - Ein starker Ortsverein

Seit 1989 buchstabiert sich Freiheit für Millionen Menschen neu. Durch den Zusammenbruch der kommunistischen Systeme hat sich das Gesicht Europas verrändert. "Jetzt wächst zusammen was zusammengehört", sagte einst Willy Brandt. Intensive Bemühungen bereits zu DDR Zeiten, führten schliesslich 1990 zur Städtepartnerschaft zwischen Waldenbuch und Mylau im Vogtland (Sachsen).

 

Wolfgang Thierse 1990 im St. Martinus Zentrum in Waldenbuch (mit Doris Odendahl)

 

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